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„Neues entsteht,
wenn man Bekanntes
neu kombiniert.“   

Die Geschichte eines MOBIpunkts

Die Verkehrswende braucht Beispiele. Das Beispiel, von dem hier die Rede ist, heißt „MOBIpunkt“ und seine Geschichte beginnt im Jahr 2012. Damals hatte die in Magdeburg gegründete und in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aktive Carsharing-Genossenschaft „teilAuto“ sich für Dresden zwei Elektroautos angeschafft. Ich nutzte sie unregelmäßig, um in Schulen unsere Elektromobilitätsschultage durchzuführen und die SchülerInnen das Fahrgefühl eines E-Autos erfahren zu lassen. Eines der Probleme von CarSharern ist es, langfristig nutzbare Abstellflächen für die Autos zu bekommen, denn Flächeneigentümer sind sprunghaft und die Flächen müssen nach außen zugänglich sein: schließlich entfaltet CarSharing eine Art öffentliches Fahrzeug-Leihsystem, auch wenn die Unternehmen privatwirtschaftlich agieren.

CarSharing: öffentliche Flächen nicht nutzbar?

Die beiden E-Autos standen in der Dresdner Neustadt, im hippen Stadtteil. Aber in der Dresdner Altstadt standen zwei neue E-Tankstellen an einem zentralen Ort regelmäßig frei: Am Pirnaischen Platz, der auch ein zentraler Straßenbahn-Knoten ist. Nur erfuhr ich: Es sei nicht möglich, dass ein privater CarSharer-Betreiber eine öffentliche Parkfläche bekommen kann – selbst wenn diese ständig frei ist, weil es kaum E-Autos in Dresden gab. Ein Teil von mir konnte dies verstehen: Schließlich könnte ja jeder kommen und öffentlichen Park-Platz beanspruchen. Ein anderer Teil schüttelte den Kopf: da sprach die halbe Welt von Elektromobilität, Sachsen pranste damit, „Schaufenster Elektromobilität“ zu sein, und dann gibt es zwei E-Autos beim einzigen CarSharer in der Stadt, und es ist unmöglich, dafür Flächen bereitzustellen?

Wen dies auch in seiner Stadt oder in seinem Ort empört, dem möchte ich diese Geschichte ans Herz legen. Denn meine Empörung über diesen schildbürgerschaftlichen Umgang mit unserer Zukunft führte dazu, dass ich begann, einen Stadtratsantrag zu schreiben. Ich war zu dem Zeitpunkt vier Jahre Mitglied im Ortsbeirat Altstadt gewesen – ein beratendes Gremium unterhalb des Stadtrats, auf Stadtbezirksebene. Diese Gremien hatten zwar kein Antragsrecht, aber ich hatte das kommunalpolitische System ausreichend verstanden, um meinen Stadtratsantrag beginnen zu lassen mit den Worten: „Die Oberbürgermeisterin wird beauftragt…“

Ein Stadtratsantrag

Mein Stadtratsantrag hieß letztlich „CarSharing und Elektromobilität in den Dresdner Stadtraum integrieren“. Ich habe ihn eingebracht über die Bürgerfraktion, die damals Zünglein an der Waage war und sich aussuchen konnte, ob sie den Antrag mit der linken oder der konservativen Mehrheit durchbringen wollte. Jahre später fragte mich ein Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes, wie ich damals diesen Antrag durch den konservativen Rat gebracht hatte. Das strategische Geheimnis: ich habe mir eine konservative Fraktion als Einbringer gesucht, in der mich die Stadträte kannten. 2013 also ging mein Stadtratsantrag buchstabengetreu durch den Rat. Und dann… … passierte erstmal nichts.

MOBIpunkte als Konzept

Der zweiseitige Antrag schlug nichts Konkretes vor, nur dass sich jemand Gedanken machen solle, wie die Integration von CarSharing und E-Mobilität geschehen kann. Umso überraschter war ich, als ich 2017 das erste Mal hörte, es solle sogenannte MOBIpunkte in Dresden geben. Mit dem Begriff konnte ich damals noch nichts anfangen. Aber anders als von mir erwartet, hatten die Stadt- und Verkehrsplaner nicht wahllos irgendwelche Flächen für CarSharer organisiert, sondern ein ganzheitliches Konzept erdacht: MOBIpunkte sollten Orte in der Nähe von Straßenbahnhaltestellen sein, an denen sowohl Ladesäulen für E-Autos, wie auch Parkraum für CarSharing-Fahrzeuge und für Leihräder sein sollte. Die Nähe zu den Straßenbahnhaltestellen war wichtig, denn so erweitern MOBIpunkte die Funktion von Straßenbahnen: man kann mit ihnen zum nächsten MOBIpunkt fahren und dort Rad oder Auto leihen; oder man fährt mit dem geliehenen Rad oder Auto zur Leihstation zurück und kommt von da mit Bahn oder Bus weiter. 76 solcher Mobilitätsorte sind in Dresden geplant.

So richtig vorstellbar war das Konzept für mich aber erst, nachdem der erste MOBIpunkt tatsächlich eröffnet wurde: am Pirnaischen Platz. Im Hintergrund kam die Kooperation zwischen Dresdner Verkehrsbetrieben, teilAuto, dem Dresdner Energieversorger DREWAG und dem Fahradleihsystem der Sächsischen Zeitung zustande, die die MOBIpunkte mit Funktion ausstatten.

Anlass dafür, diesen rückblickenden Artikel zu verfassen, ist die Baustelleneröffnung am Dresdner Fetscherplatz: Dort wohne ich. Und nutze Bus & Bahn. So kommt nach 6 Jahren mein Stadtratsantrag wieder zu mir zurück: In Form eines Upgrades meiner Stadt: ich krieg‘ jetzt einen MOBIpunkt in meine Nähe und kann mein autofreies Stadt-Leben noch besser um gelegentliches CarSharing anreichern. Hoffentlich elektrisch.

ein MOBIpunkt entsteht am Dresdner Fetscherplatz

Was man daraus lernen kann…

Wenn Sie, liebe Leserin, jemand sind, die eine gute Integration von CarSharing oder Elektro-PKW-Mobilität in ihrem Heimatort vermissen: Schauen Sie doch mal in „meinen“ Stadtratsantrag. Das Dokument braucht nach 7 Jahren vielleicht nochmal etwas Schliff, aber als Anregung für Ihre Stadträte könnte es auch in seiner verstaubten Form reichen. Wenn Sie, lieber Leser, Stadtplaner oder Verkehrsplanerin sind, schauen Sie sich doch mal das Konzept der MOBIpunkte an! Ich weiß nicht, ob es ein Dresdner Original ist, bestimmt hat sich ein Dresdner Planer von anderen Städten inspirieren lassen. Ich finde die Idee der MOBIpunkte ziemlich clever und kopierenswert. Und wenn Sie Journalist, Multiplikator oder Mitglied in einem Verkehrswende- oder Stadtentwicklungsverein sind, verweisen Sie doch mal auf diese Geschichte. Denn die Verkehrswende braucht viele kleine Schritte, um ein neues, postfossiles Mobilitätssystem entstehen zu lassen. Die Botschaft, dass ein einzelner Stadtratsantrag aus zwei lumpigen DinA4-Seiten Text zu Millioneninvestitionen in die urbane Verkehrswende geführt hat, ist doch ein Weitersagen wert, oder?

hacking politics in der Permakultur-Akademie

Das diesjährige Akademie-Wochenende der Permakultur-Akademie drehte sich um das Schwerpunktthema „Politik“. Ich durfte den Keynote-Vortrag halten: basierend auf meinem Kurzvortrag „hacking politics“ schilderte ich, wie jeder Politik machen kann und welche Hackzeuge einsetzbar sind. Amüsierte Gesichter in der Zuhörerschaft und das zahlreiche Feedback zeigten mir, dass die Botschaft ankam. Lust entstand, sich in die lokale Politik ihrer Heimatstädte einzumischen. Festgehalten wurden die Kerninhalte per Graphic Recording von Anso:

Als Bonus gab es einen 1,5stündigen Workshop „hacking politics – Stadtratsanträge schreiben“. In Kleingruppen arbeiteten die Teilnehmerinnen an einem Antrag für einen autofreien Tag in Potsdam, nachhaltige Beschaffung durch eine Stadtverwaltung, essbare Straßenbäume in Stuttgart und kommunale Förderung von Gartenaktivitäten im Stadtraum. Das extra für diesen Workshop erstellte Arbeitsblatt „hacking politics – Stadtratsantrag“ funktionierte perfekt als Leitfaden.

Ich habe Lust, diesen Impuls öfter zu setzen und diesen Workshop öfter durchzuführen. Zivilgesellschaftliche Gruppen, die politisches Handwerkzeug für ihre Arbeit in ihrer Kommune lernen wollen, oder auch Stadträte und politische Gruppen sind herzlich eingeladen, mit mir in Kontakt zu treten!

FutureCityProjects: Förderung vom Prototypefund erhalten

Gemeinsam mit Jakob Schumann haben wir uns auf eine Förderung des Prototypefund beworben: der vom Bundesforschungsministerium und der Open Knowledge Foundation geförderte Fond unterstützt Open-Source-Software-Projekte. Unser Projekt für die 6. Ausschreibungsrunde heißt FutureCityProjects. Wir wollen darin einen Bürgerbeteiligungsprozess in Software gießen, mit dem BürgerInnen einer Stadt stadtgestaltende Projekte konzipieren können: bis hin zur Antragstellung für Förderfonds. Umsetzungszeitraum ist September 2019 bis Februar 2020. Dann steht eine Software zum Einsatz in Städten und Dörfern zur Verfügung, der den BewohnerInnen helfen soll, ihre Orte zu gestalten und den Stadtverwaltungen und Förderern, solche Aktivitäten zu unterstützen.

Mehr Infos

Forschungsprojekt #futureCityOS

Lassen sich Städte mit Computern vergleichen? Lassen sich in Städten sozio-technische Betriebssysteme installieren, ähnlich wie Computerbetriebssystemen auf PCs? Und falls ja, wie macht man das?

#futureCityOS ist das Schlagwort, unter dem ein kleines Team derzeit einen Förderantrag an die Bosch-Stiftung vorbereitet. Beim SPIELRAUM2019 ist die Idee entstanden und gemeinsam mit Mitarbeiter von Fraunhofer IOSB, IFEU und DIFU sowie einer freien Architektin arbeiten wir derzeit an dem Konzept für ein zweijähriges Forschungsprojekt. Ziel soll es sein, uns der Idee eines „Betriebssystems für die Zukunftsstadt“ zu nähern, ausgehend von der Feststellung, dass Computerbetriebssysteme dem Nutzer Prozesse bereitstellen, genau wie Stadtgestaltung durch vielerlei Interaktions- und Partizipationsprozesse passiert. Diese Analogie muss sich doch nutzen lassen, oder?

Gesucht werden noch Partner, die in ihren Institutionen mit stadtgestaltenden Partizipationsprozessen arbeiten. Wir wollen schauen, wie Ihre Erfahrungen sich in einem #futureCityOS abbilden lassen und welche Werkzeuge wir für Ihre Prozesse bereitstellen können. Natürlich sind auch Kooperationspartner willkommen, die unser Vorhaben mit eigenen Ressourcen unterstützen können. Kontaktieren Sie uns!

Raumkonferenz in Dresden

Die 3. Juniwoche 2019 war ganz dem Thema „Stadtraum gestalten“ gewidmet: Der Konglomerat e.V. lud zur Raumkonferenz und dutzende Veranstaltungen boten Gelegenheit zur Diskussion, zum Lernen, zum Ausprobieren.

Ausgehend von der Frage „Was könnte das Ergebnis einer solchen Raumkonferenz-Woche sein?“ hatten wir eine Workshop-Serie vorbereitet: „hacking politics – Stadtratsanträge schreiben“. Entlang der hacking-politics-Philosophie und mit Hilfe eines neugestalteten Arbeitsblattes „Stadtratsantrag“ leiteten wir die Workshop-TeilnehmerInnen an, das Zusammenwirken des Stadtrats und der Stadtverwaltung zu verstehen und eigene Stadtratsanträge zu formulieren. Die Einrichtung eines Jugendparlaments, die Umsetzung eines „Raumzensus“, mögliche institutionelle Förderungen für Nachhaltigkeits-Organisationen und die Beschränkung der militärischen Nutzung des Dresdner Flughafens – diese Antragsentwürfe erreichten eine Einreichungsqualität. Dresdner Stadträte: aufgepasst!

Eingeladen von der Urban Equipe nahm ich außerdem an einem Workshop teil, der nach Mustern in Partizipationsprozessen sucht. Als Fallbeispiel war der Dresdner Zukunftsstadt-Prozess vorgesehen, den wir nach nutzbaren Mustern durchsuchten. Der Muster-Ansatz ist mir jetzt zum zweiten Mal begegnet und ich ahne, wir werden in ihn anderen Zusammenhängen nochmal intensiv gebrauchen.

Es war eine sehr eindrucksvolle Konferenz: mit so vielen Veranstaltungen, dass es schwer war, sich zu entscheiden, aber mit einem Flair, mit dem man sich der Raum-Frage sommerlich-entspannt nähern konnte.

Prozessdesign Kulturhauptstadt

Dresden bewirbt sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025. Ich freue mich über den Auftrag, ein Prozessdesign für den partizipativen Teil des Kulturhauptstadt-Prozesses zu entwerfen. Die Herausforderung: Wie baut man einen Beteiligungsprozess, der von 2020 bis 2025 und darüber hinaus geht? Das ist ein sehr langer Zeitraum, in dem aus Kindern Jugendliche, aus Jugendlichen Erwachsene, aus Frauen Mütter, aus Männern Väter, aus Studenten Unternehmer und aus Mitarbeitern Rentner werden. Eine reizende Aufgabe!

Klimawandel mit der MDR-Wetterfee

Ich hatte die Ehre, auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung im Burgtheater Bautzen Michaela Koschak zu moderieren, die MDR-Wetterfee. Etwa 70 bis 80 TeilnehmerInnen aus der MDR-Zielgruppe – sprich: erhöhtes Durchschnittsalter – hörten ihre Ausführungen zum Klimawandel. Die Diskussion war erregt: Die Dringlichkeit des Themas war spürbar, die Antworten die die Metereologin geben konnte nicht ausreichend, wenn es politisch wurde. Man kommt beim Klimawandel schnell zum Tempolimit, zum Rasenmähen, zu Wasserflaschen aus Frankreich, zum MDR-Fernsehprogramm. Nur zu einfachen Lösungen, zu denen kamen wir nicht.

Zukunftsstadt beim Global Festival of Action

Über 60 interaktive Sessions erwarten die BesucherInnen des Global Festival of Action vom 2. bis 4. Mai in Bonn. Das Ereignis ist Teil der UNO-Aktionskampagne für die Globalen Nachhaltigkeitsziele (SDG).

Unsere Bewerbung, den Zukunftsstadt-Dresden-Projekt vorzustellen, wurde angenommen. Wir werden am 2. Festivaltag eine Session ähnlich unserer Workshops in Dresden ausgestalten, um den internationalen TeilnehmerInnen ein Gefühl für unsere Herangehensweise und Informationen zum Projekt zu geben.

3. Mai 2019, 15:30-17:00, Bonn: Co-Producing a city-transformation